Die Großeltern haben sich viel Mühe gemacht. Der Tisch ist reich gedeckt und vor allem wunderschön österlich geschmückt. Auf dem Teller eines jeden Enkelkindes liegt ein verziertes Geschenkpäckchen. Als die Kinder dieses öffnen, finden sie darin auf buntes Seidenpapier gebettet eine Vielzahl an Süßigkeiten. Voll Vorfreude hat meine Mutter diese Überraschung vorbereitet. Voll Vorfreude auf die begeisterten Kindergesichter!
Nicolas öffnet sein Päckchen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Aber dann kommt alles anders.
Aaron öffnet ebenfalls sein Päckchen. Nicolas hält seines neben jenes des Bruders. In Sekundenschnelle ist der Inhalt gezählt. Sieben bunte Zuckereier, drei Schokobananenhühner, vier Geleehasen. Alles gleich. „Ich mag die roten Zuckereier am liebsten!“, freut sich Aaron. Da, ich wusste es ja, denkt Nicolas: Die roten sind die besseren Eier, aber ich hab mehr grüne. Plötzlich schmeißt er sein Päckchen mit all den Süßigkeiten auf den Boden und ruft: „Sogar der Osterhase hat nur Aaron lieb!“ Vor den Augen eines ungläubigen Publikums beginnt Nicolas heftig zu atmen, dann schwingt er leicht seine Arme zu einem Fächeln, er verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse und lässt verschiedene unkenntliche Geräusche hören. Schließlich rennt er mit hochrotem Kopf aus dem Zimmer und schmeißt die Tür hinter sich zu.
Dieses Verhalten kennen wir von Aaron, wenn er überlastet ist. Aber Nicolas? In manchen Familien gibt es tatsächlich zwei oder mehrere Kinder mit Autismus. Meist ist das jedoch nicht der Fall. Vor allem jüngere Geschwisterkinder kopieren allerdings oft das Verhalten des großen Bruders. Sie haben gesehen, dass große Wutanfälle die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen. Das können sie auch!
Aufzuwachsen in einer Familie mit Autismus, ist für Geschwisterkinder eine Herausforderung: das dominante Verhalten des Bruders, das viel Aufmerksamkeit abzieht; Einschränkungen aufgrund des Bruders (wenige Gäste im Haus, selten auf Festen, in Restaurants oder im Kino); Rücksichtnahme wird erwartet (starre Sitzordnung bei Tisch, Tagesabläufe); hoher Erwartungsdruck (du wenigstens kannst das selbst); der Bruder wird für den kleinsten Erfolg gelobt, bei mir ist alles selbstverständlich. Eifersucht ist deshalb ein gängiges Thema, nicht nur in unserer Familie.
Geschwister von Kindern mit Autismus brauchen auch ihren Platz. Sie brauchen Aufmerksamkeit. Sie müssen als sie selbst gesehen und in ihren eigenen Bedürfnissen wahrgenommen werden. Sie brauchen auch immer wieder Abstand vom Geschwisterkind mit Autismus und Freiräume. Gemeinsam schauen wir auf das gesamte Familiensystem, damit jede und jeder seinen Platz finden kann und die Familie als einen Ort der Geborgenheit erlebt, an dem er oder sie sich entfalten kann!