Den richtigen Pfad einschlagen

Für manche ist die Diagnose ihres Kindes ein Schock, für andere eine Erleichterung. Endlich kennen wir den Weg! In diese Richtung, also los! Aber mitten durchs Dickicht? Senkrecht den Felsen hinauf? Genau an dieser Stelle durch einen reißenden Fluss? Es ist wichtig, das Ziel, das wir uns gesteckt haben, nicht aus den Augen zu verlieren.…

Für manche ist die Diagnose ihres Kindes ein Schock, für andere eine Erleichterung. Endlich kennen wir den Weg! In diese Richtung, also los! Aber mitten durchs Dickicht? Senkrecht den Felsen hinauf? Genau an dieser Stelle durch einen reißenden Fluss? Es ist wichtig, das Ziel, das wir uns gesteckt haben, nicht aus den Augen zu verlieren. Genauso wichtig ist es aber auch, auf dem Weg dorthin flexibel zu sein. Nicht immer ist der kürzeste Weg der beste. Es kann hilfreich sein, für den ersten Anstieg den breiten Forstweg zu wählen. Dieser schlängelt sich langsam bergauf. Er ist länger, das bedeutet weniger Höhenmeter auf einmal. Dafür ist er breiter und weniger anstrengend. Hier kann ich mich eingehen. Hier kann ich Erfahrung sammeln. Ich gehe bereits in die gewünschte Richtung, aber ich mute mir nicht gleich zu viel zu.

Dasselbe gilt für die persönlichen Vorlieben und Fähigkeiten. Wer Höhenangst hat, scheut den Klettersteig. Wer die besondere Aussicht liebt, wird eventuell gerade daraus Kraft schöpfen. Es wird Kämpfe geben, denen wir uns stellen wollen, und jene, die wir lieber umschiffen. Wir wählen den Weg nach zwei Kriterien: nach persönlicher Prioritätensetzung und möglichem Ressourceneinsatz.

Prioritäten setze ich auf Basis von Fragen wie: Was ist das Wichtigste für die nächsten Tage, Wochen und Monate? Worauf will ich heute setzen, was kann ich später angehen? Was brauche ich als Erstes, um mir überhaupt Luft zu verschaffen? Diese Fragen entsprechen der Suche nach dem „heutigen Mittagessen“. Gleichzeitig ist es sinnvoll, vorauszuschauen und zu fragen: Was muss ich jetzt säen, damit ich es später ernten kann? Sollen auch meine zukünftigen Mahlzeiten gesichert sein, kann ich nicht heute alle Bohnen aufessen, sondern ich werde ein paar davon in die Erde setzen, selbst wenn ich heute noch keinen Effekt davon sehe.

Auch mit meinen vorhandenen Ressourcen gilt es verantwortungsvoll umzugehen. Wie viel Energie habe ich? Welches finanzielle Budget steht mir zur Verfügung? Wir sollten einen Weg einschlagen, den wir durchhalten können. Einen Modus, der uns nachhaltige Erfolge bringt. Wenn ich erst schnell laufe, dann aber außer Atem einige Tage pausieren muss, überholt mich der Igel, der langsam, aber stetig seinen Weg geht.

Der alte Spruch „Weniger ist mehr“ hat hier eine besondere Bedeutung. Wenn wir nach dem ersten Schock der Diagnose alle Hebel gleichzeitig in Gang setzen, nur damit sich schnell irgendetwas bewegt, laufen wir Gefahr, das System zu übersteuern. So werden wir den Kompass immer wieder nach­justieren! Und uns in Neuanpassung üben. Denn jede neue Annahme über Wesen und Beschaffenheit des Neulands „Autismus“ ist eine Hypothese und kann jederzeit wieder verworfen werden. Autismus ist ein Spektrum, jedes Kind eine eigene Persönlichkeit. Jede Familie ein Unikat. Wir fahren auf Sicht. Das gesamte Land haben wir noch nicht überblickt. Flexibilität ist also ein inhärenter Bestandteil unserer Expedition. Der Radsportler Hermann Pernsteiner rät: „Um Ängste zu überwinden: Nicht ins kalte Wasser springen. Es ist besser, sich langsam an etwas heranzutasten und Vertrauen zu fassen.“ Einen Schritt nach dem anderen setzen, evaluieren, neu ausrichten. Dabei werden Fehler passieren. Das ist okay. Umwege erhöhen die Ortskenntnis.

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