Den musst du einfach nur richtig erziehen!

Warum ein Perspektivenwechsel wichtig ist? Es ist Aarons siebenter Geburtstag. Freunde und Nachbarn sind geladen, gemeinsam mit uns zu feiern. Alles ist vorbereitet: der Tisch schön gedeckt, Gläser mit Orangensaft, Teller mit Knabbereien und natürlich Kuchen. Kinderlachen, Trubel, buntes Treiben. So wie es sich für eine Geburtstagsfeier gehört. „Lauf, Jonas!“, fordert die Nachbarin ihren Sohn…

Warum ein Perspektivenwechsel wichtig ist?

Es ist Aarons siebenter Geburtstag. Freunde und Nachbarn sind geladen, gemeinsam mit uns zu feiern. Alles ist vorbereitet: der Tisch schön gedeckt, Gläser mit Orangensaft, Teller mit Knabbereien und natürlich Kuchen. Kinderlachen, Trubel, buntes Treiben. So wie es sich für eine Geburtstagsfeier gehört.

„Lauf, Jonas!“, fordert die Nachbarin ihren Sohn auf, mit den anderen Kindern Fangen zu spielen, während sie sich fragt, wo bloß das Geburtstagskind steckt. Ihr Blick schweift durch den Raum. Endlich entdeckt sie Aaron in einer Ecke sitzend. Still stopft er ein Stück Kuchen nach dem anderen in seinen Mund! Tut man denn das? „Los, fang Aaron, damit er mitspielen kann!“ Jonas sprintet mit ausgestreckten Armen auf ihn zu. Na endlich, jetzt wird er schnell loslaufen und Spaß haben. Aber Aaron bleibt unbeweglich sitzen. Jonas ruft: „Ich hab dich gleich!“ Doch noch bevor er Aaron berühren kann, fängt dieser an zu schreien. Und dann geht alles ganz schnell. Aaron schreit, strampelt mit den Beinen, rudert mit seinen Armen – und stößt Jonas um. Jetzt kommt auch die Nachbarin angelaufen und nimmt ihren Sohn in den Arm. Was für ein Verhalten!, denkt sie, den müsste man mal endlich richtig erziehen!

Ich stehe wie angewurzelt da. Was ist nur passiert?

Spulen wir noch einmal zurück. Sehen wir uns die Situation aus Aarons Perspektive an:

Ich habe Geburtstag, das ist schön. Aber warum will Mami all diese Leute einladen? Wäre es nicht viel schöner, allein zu feiern? Jetzt sind sie da, und es ist so laut. Ich weiß nicht, ob ich mir die Ohren zuhalten darf. Alle laufen wild durcheinander. Warum tun sie das bloß? Ich möchte mitspielen, doch ich kenn mich nicht aus. Ah, Kuchen! Essen ist eine Tätigkeit, die ich kenne. Aber nicht hier am Tisch, da ist es zu hell und zu laut, zu viele Menschen. Dort in der Ecke. Langsam stopfe ich mir ein Stück nach dem anderen in den Mund. Das beruhigt mich. Aber als eines der Kinder „Ich hab dich gleich!“ schreit, zucke ich zusammen. Das könnte gefährlich sein. Unwillkürlich presse ich meinen Rücken fester gegen die Wand. Das gibt mir Sicherheit. Oh nein, das Kind kommt auf mich zu. Hilfe! Kann ich noch entkommen? Statt wegzulaufen, erstarre ich. Schlangen können sich auch tot stellen. Dann werden sie nicht gefressen. Aber das funktioniert hier nicht. Das Kind streckt schon seine Hand aus. Deshalb muss ich mich wehren, ich stoße das Kind mit aller Kraft von mir.

Wenn ich eine Situation betrachte und glaube, eine objektive Sicht auf die Dinge zu haben, halte ich kurz inne und frage mich: Wie könnte das Ganze aus der Perspektive des Kindes mit Autismus aussehen? Und obwohl ich das oft nicht beantworten kann, weil ich die Beweggründe für sein Verhalten nicht kenne, weiß ich, es gibt diese andere Perspektive! Und sie hat die gleiche Berechtigung wie die meine. Es ist wie spannende Detektivarbeit, sie herauszufinden.

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