Asperger-Autismus, unsichtbare Diagnose

Ich gehe mit Aaron neue Schuhe kaufen. Die alten passen nicht mehr. Er selbst würde nie zugeben, dass sie zu klein sind, denn er hält eisern an Bekanntem fest. Auch Veränderungen dieser Art können ein Kind mit Asperger-Autismus unsicher machen. Als Aaron widerwillig mit mir das Geschäft betritt, fragt uns die Dame im Verkauf, was…

Ich gehe mit Aaron neue Schuhe kaufen. Die alten passen nicht mehr. Er selbst würde nie zugeben, dass sie zu klein sind, denn er hält eisern an Bekanntem fest. Auch Veränderungen dieser Art können ein Kind mit Asperger-Autismus unsicher machen.

Als Aaron widerwillig mit mir das Geschäft betritt, fragt uns die Dame im Verkauf, was wir suchen. Aaron gibt eine bis auf die Farbe der Naht detailgetreue Beschreibung seiner derzeitigen Schuhe ab. Die Augen der Verkäuferin suchen die Regale ab, bis sie nach einem ähnlichen Paar greift. „Nein“, informiert uns Aaron sofort. „Die sicher nicht!“ „Die sind schön“, dränge ich. „Probier sie doch!“ Die Verkäuferin denkt vermutlich: Was für eine Mutter, die über ihren sicher schon zehnjährigen Sohn bestimmt und ihn nicht selbst aussuchen lässt. Aaron schlüpft in die Schuhe und verkündet, dass sie überall drücken. Das stimmt auch aus seiner Sicht. Anders ist für ihn gleichbedeutend mit schlecht. Ich kann bereits spüren, dass das Betriebssystem meines Sohnes nahe dem Absturz ist, und ich weiß, dass ich ihn möglichst schnell aus dieser unangenehmen Situation herausholen muss. Daher befühle ich selbst seinen Fuß und stelle fest, dass die Schuhe perfekt passen. „Die nehmen wir!“, rufe ich, um möglichst schnell das Geschäft wieder verlassen zu können. Erst gefallen dem Kind die Schuhe nicht, passen tun sie auch nicht – und diese dumme Mutter kauft sie, denkt die Verkäuferin. Aber ihr Ziel ist, Schuhe zu verkaufen. Da sie dieses erreicht hat, diskutiert sie nicht weiter, sondern nimmt den Karton kopfschüttelnd zur Kassa mit. Aaron verlässt – bereits stampfend – das Geschäft.

Ein Jahr später will Aaron genau dieses Paar, das er hier gerade abgelehnt hat, nicht mehr ausziehen und verweigert wiederum die nächste Größe.

Jede Veränderung stellt Kinder mit Asperger-Autismus vor eine Herausforderung. Denn wenn sich eine Sache verändert, haben sie das Gefühl, auch alles andere könnte ihnen entgleiten. Es ist unsere Aufgabe, sie an die dem Leben innewohnende Tatsache behutsam heranzuführen. Die kleinen Veränderungen des Alltags sind unsere Lernplattform, aus deren positiver Bewältigung sie stärker werden. Heute sind es nicht mehr die Schuhe, die Aaron ängstigen, heute ist es ein Schulwechsel. Eines Tages wird er sein Zimmer umstellen und sich an der Veränderung freuen!

Im Gegensatz zu einem Kind im Rollstuhl, das offensichtlich nicht gehen kann, ist Asperger-Autismus unsichtbar. Aaron sieht genauso aus wie andere, er geht, er redet. Genauso wie ich meinem Kind im Rollstuhl die Tür aufhalten würde, halte ich für Aaron den Raum offen, um sich mit der Veränderung langsam vertraut zu machen. Denn ich bin meinem Kind verpflichtet, nicht den Erwartungen der Gesellschaft. Das ist oft einfacher gesagt als getan. Wir beleuchten gemeinsam alte Glaubenssätze und deren Ursprünge. Wir finden heraus, welche davon heute noch hilfreich sind und welche Sie lieber über Bord werfen möchten, damit Sie balastfrei und unbefangen die nächsten Schritte an der Hand ihres Kindes gehen können.

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